goodbye2zero

Goodbye2Null Goodbye2Zero

- ein provokatives Inceptum zur Podiumsdiskussion am 24.09.2013 auf der DMS EXPO.
Die letzten zehn Jahre hat uns die Metapher „2.0“ in unterschiedlichsten Formen begleitet. Im Jahr 2003 wurde von Eric Knorr erstmals der Begriff des „Web 2.0“ benutzt um die neue Aufbruchstimmung mit Interaktion und Kollaboration im Internet zu beschreiben.

Dale Dougherty und Craig Cline machten dann mit der O’Reilly-Web-2.0-Konferenz im Oktober 2004 „Web 2.0“ zum programmatischen Leitbild der Branche - jenseits von WCM Web Content Management. Der Begriff des Web 1.0 wurde erst später von Tim O'Reilly in 2005 künstlich hinzudefiniert.
Von Anfang an ging es bei Web 2.0 um einen Wandel im Nutzungsverhalten und in der Wahrnehmung des Internets als offen Raum, der alles Wissen der Welt bereithält und zum uneingeschränkten Mitmachen einlädt. Technische und funktionale Elemente gab es schon vorher und erst die Kombination der Technik mit der neuen Vision der Einbeziehung der Anwender in das Geschehen im Web führte zum durchschlagenden Erfolg von Web 2.0.  Große virtuelle Communities förderten diese Ideen. „2.0“ stand in Folge für „neu“, Attraktiv“, „innovativ“, „interaktiv“, „offen“ und „noch nicht fertig“, und wurde so attraktiv, dass „2.0“ auch für andere Begriffsbildungen marketingmässig missbraucht wurde. Nahe an den Ideen von „Web 2.0“ war noch „Enterprise 2.0“, dass die Umsetzung der Konzepte des Web 2.0 im Unternehmen forderte. Andere wie „Ehefrau 2.0“, „Büro 2.0“, Handy 2.0, „Government 2.0“ versuchten lediglich die Popularität von 2.0 aufzugreifen ohne jedoch die ursprünglichen Konzepte und Ideen zu übernehmen. Dies führte sehr schnell zur Abnutzung von „2.0“, da jedes Unternehmen und jeder Spaßvogel meinten, hiermit irgendetwas garnieren zu müssen. Das ursprüngliche Konzept hinter Web 2.0 geriet dabei in Vergessenheit. Die war der erste Abschied von „2.0“. Mit diesem „Goodbye 2.0“ büßte Web 2.0 seine positive Begriffsbesetzung ein.
Über die Jahre hatte sich auch die Technologie und Funktionalität, die die Basis für Web 2.0 bildete, weiterentwickelt. Nicht mehr die Webseite im Browser war der Schwerpunkt sondern die mobile Nutzung des Webs. Sie veränderte auch die Nutzungsmodelle, förderte aber zugleich die Grundideen, sich als Anwender jederzeit und an jedem Ort am interaktiven Web beteiligen zu können. Viele der Jünger von Web 2.0 hatten sich inzwischen auf den Weg zur nächsten Vision gemacht – dem semantischen Web oder auch Web 3.0. Tim Berners-Lee, einer der Väter des Internets, hatte selbst diese Analogie gezogen. Nicht mehr nur die Information selbst, sondern ihr Kontext, die Beziehungen und die Metainformationen über die Information gewannen an Bedeutung. Zugleich rückte die Interaktion der an der Kommunikation Beteiligten wieder mehr in den Hintergrund. Sieht man Web 3.0 als Folgephase von Web 2.0 an, haben wir hier den zweiten Abschied: Goodbye 2.0.
Einen dritten Abschied erleben wir gerade durch die Offenlegungen von Whistleblower Snowden. Genaugenommen muss man von „Bewusstmachung“ sprechen, denn irgendwie hatten sich alle gedacht, dass die Freiheit und Offenheit nur sehr oberflächlich ist. Das Web 2.0 hat mit der Ausforschung und der Manipulation seine Unschuld verloren. Kommunizierte man früher unbeschwert so überlegt man heute, welche Auswirkungen dies einmal haben könnte. Und dies nicht nur im Mitmach-Web sondern überall wo es um Kommunikation und Informationsnutzung geht. Wir müssen uns hier von der Vision „2.0“ verabschieden weil eine andere Zahlenkombination, „1984“, immer mehr in den Vordergrund gerückt wird. Ernüchterung, aber keine Panik, ist angesagt. Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen. Von den Möglichkeiten der modernen Kommunikation kann man sich nicht verabschieden. Wir sind längst die Junkies des Informationszeitalters. Wir können nicht zu den idealistischen Aufbruchstagen des Web 2.0 zurück. Vielfach werden die Auswirkungen von Web 2.0 jetzt erst deutlich und sie sind nicht immer positiv. Mit Web 2.0 haben sich auch neue Wirtschaftsmächte etabliert, die ebenso wie Staaten Information zur Beherrschung benutzen. Auch dies sind Gründe, sich von den idealistischen Vorstellungen des Web 2.0 zu verabschieden – Goodbye 2.0.
Man wird zukünftig vielleicht mit „Web 2.0“ eine der Phasen der frühen Informationsgesellschaft bezeichnen. Eine Phase, in der man euphorisch der Kommunikation, Interaktion und Kollaboration gehuldigt hat, bevor die neuen Grenzen und Restriktionen eines kommerzialisierten, kontrollierten Internets deutlich wurden.

Zuletzt aktualisiert am 13.08.2013. Autorenrechte.
Persistente URL: http://www.project-consult.de/ecm/in_der_diskussion/goodbye2zero

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DOKmagazin: "Goodbye 2.0 oder Hello 2.0"

Im aktuellen DOKmagazin werden zwei kurze Positionspapiere der Teilnehmer am Schlagabtausch (Dr. Ulrich Kampffmeyer, Michael Dreusicke) veröffentlicht: http://bit.ly/GoodBye2Null
Für "Hello 2.0" ist es jedoch wohl zehn Jahre zu spät ...
 
Die Herausgeberin der DOK, Birgit Reber, schreibt dazu:
"Die Zeit ist reif für dieses Thema: Hello2.0 oder Goodbye2.0 | DGI & DOK.live Diskussion am Di., 24.09. DMS EXPO | Vorwort zu den Kommentaren aus DOK.magazin 4.2013 | Das DOK.magazin lässt ein altes Ritual wieder aufleben: Die DOK.Expertenrunde wird als DOK.Duell ausgetragen – heute nennt man dieses Format: Podiumsdiskussion. Dieser ‚Showdown’ zum kontroversen Thema der beiden folgenden Kommentare wird auf der DMS EXPOals Gemeinschaftsveranstaltung von DGI&DOK.live stattfinden. | Die Historie dieses “Duells”, welches seinen Ursprung auf der DMS EXPO 2012 hatte, kann ausführlich im Blog von Dr. Kampffmeyer http://bit.ly/GoodBye20 und auf der Facebook-Seite von Herrn Dreusicke http://bit.ly/Dreusicke nachgelesen werden (#goodbye2null, #hello2null und #goodbye2zero). Lohnt sich. | Als Moderator, um nicht zu sagen Sekundant, wird Prof. Dr. Heiko Beier, Geschäftsführer der moresophy GmbH, die beiden Duellanten professionell „im Griff haben“ – um eine energiegeladene und hochinteressante, wenn nicht gar spektakuläre Diskussion auf die Bühne zu bringen." (vollständig hier: http://bit.ly/GoodBye2Null)
 
Mein Kommentar auf der Webseite des DOKmagazin zu dieser Einleitung:
"Noch ein kleiner Hinweis vorab: Eigentlich ging es gar nicht um das Thema “2.0″ oder “Web 2.0″, wie man aus den beiden Textbeiträgen schließen könnte. Herr Dreusicke hatte sich lediglich über den Inhalt meiner Keynote “EC5M” – in der es um Enterprise Content Management ging, echauffiert (http://bit.ly/RyAFZh) . Bis auf zwei kleine Argumente ist aber der große Anlass für das “Streitgespräch” quasi “verpufft”. Also, was tun, um eine sinnvolle Diskussion zu führen, denn letztlich ging es Herrn Dreusicke offenbar darum, dass ich bestimmte Themen in meiner Keynote “EC5M” nicht adressiert oder anders interpretiert habe als er sich das wünschte (über etwas, was nicht gesagt wurde, lässt sich hinterher nur schwer diskutieren). “Goodbye 2.0″ war eine Provokation von mir, um Herrn Dreusicke endlich aus der Reserve zu locken, damit er offen legt, warum ich denn sein “Lieblingsgegner” bin, und Argumente bringt. Meine Einschätzung zu Web 3.0, Web 4.0, Web 5.0 usw. gibt es übrigens hier in einem Artikel aus dem Jahr 2007  (http://www.bit.ly/KffWeb20). Dann bis in Stuttgart …

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