BIT: Rückblick 2017 & Trends 2018

10.02.2018

Wie jedes Jahr veröffentlichte das Fachmagazin BIT in ihrer ersten Ausgabe, Februar 2018, einen Rückblick auf das Jahr 2017 nebst Ausblick auf das Jahr 2018 zu den Entwicklungen in der ECM-, Output- und MPS/MDS-Branche. Torsten Wiegand, Chefredakteuer der BIT, hatte hierzu namhafte Vertreter der Branche eingeladen, darunter auch den Geschäftsführer von PROJECT CONSULT, Dr. Ulrich Kampffmeyer. Seine Antworten und sein Ausblick:

Rückblick 2017

  • BIT: Ihr spannendstes Branchenerlebnis:
    Kampffmeyer: Meine schönsten Erlebnisse waren immer der Austausch mit Anwender*innen und Kolleg*innen bei Veranstaltungen. Ein schönes Erlebnis war in 2017 die Keynote auf einer internationalen Konferenz in Dublin, in der Lounge des wunderschönen Stadions. Er eher stressig war es wenig später an einem Tag morgens eine Keynote bei München und Abends eine andere Keynote bei Stuttgart halten zu dürfen.
    Und natürlich gehört auch anlässlich unseres 25jährigen Firmen-Jubiläums die überwältigende Teilnahme von Kolleginnen und Kollegen mit über 100 Fachartikeln an unserem Jubiläums-Newsletter dazu. 25 Jahre in dieser chaotischen Branche sind schon spannend.
     
  • BIT: Herausragende Themen waren:
    Kampffmeyer: Herausragende Themen waren der zunehmende Einfluss von Künstlicher Intelligenz, Cloud und Blockchain auf die ehemalige ECM-Branche. Automatisierung, Verlagerung von Lösungen in die Cloud und neue Ansätze wie die Blockchain veränderten den Markt in 2017. Diese Themen und andere Innovationen werden von draußen in die Lösungen der ECM-Anbieter hineingetragen. Innovation innerhalb der Branche gibt es wenig. ECM selbst ist matur.
    Neben den neuen Trends spielen die Themen der Vorjahre weiterhin eine wichtige Rolle: elektronische Rechnung, elektronische Akte, mobile Nutzung, Business Process Management, Collaboration, Information Governance, elektronische Archivierung. Manche Themen sind Dauerbrenner.
     
  • BIT: Besondere Veränderungen in der Anbieterlandschaft, die Ihnen aufgefallen sind:
    Kampffmeyer: Besondere Veränderungen in der Anbieterlandschaft ergaben sich z.B. durch die Übernahme von Documentum durch OpenText, die Zerlegung eines weiteres größeren internationalen Anbieters, Lexmark, der Rückzug großer IT&SW-Anbieter wie IBM, Oracle, HP, Lexmark u.a. aus dem traditionellen ECM-Markt, die Abkehr vieler Anbieter von den ursprünglichen Ansätzen des Enterprise Content Management und die Fokussierung auf Fach- und Branchenlösungen anstelle leerer Plattformsysteme.
     
  • BIT: Besondere Innovationen (Lösungen, Technologien):
    Kampffmeyer: Besondere Innovationen innerhalb der Branche gibt es kaum. Es werden die Innovationen anderer Marktsegmente der ITK adaptiert. Besonders wird dies bei Automatisierungsthemen deutlich. Künstliche Intelligenz wird auch beim Informationen Management (oder ehemals ECM) zum Treiber bei intelligenter Suche, automatischer Klassifikation, selbstlernenden Workflows, selbstkonfigurierenden Aktenstrukturen, Analytics, Informationsbewertung, Wissensmanagement usw. Die Verlagerung von Lösungen in die Cloud ist nicht mehr als Innovation anzusehen sondern müsste bei allen Anbietern schon Standard sein. Gleiches gilt für die Nutzung von Informationen auf mobilen Geräten, die den PC längst überholt haben.
     
  • BIT: Die größte Überraschung:
    Kampffmeyer: Eine große Überraschung war der Widerhall der Erklärung von Gartner „ECM ist tot“. Nicht die Äußerung selbst sondern das Echo und das Wirrwarr das darauf folgte. Totgesagte leben länger und Gartner war beileibe nicht das erste Unternehmen, dass Enterprise Content Management in Frage stellte. Bei der Diskussion musste man allerdings überrascht feststellen,  dass kaum ein Anbieter ECM mit Strategien, Methoden, Vision und Werkzeugen verstanden hatte sondern nur in funktionalen und technischen Dimensionen seiner Produkte dachte. Am Endanwender geht diese ganze Diskussion vorbei.
     
  • BIT: Das größte Ärgernis:
    Kampffmeyer: Größte Ärgernisse gab es mehrere.
    Da zerlegt sich die Branche mit neuen Schlagworten wie Content Services selbst und gibt die langjährig aufgebaute Strategie von ECM Enterprise Content Management auf.
    Da geht Deutschland weiter schlafwandlerisch seine Sonderwege bei eIDAS, elektronischer Rechnung, föderalen und nationalen Portalen, Breitbandausbau, Gesundheitskarten usw., und bringt uns immer mehr ins Hintertreffen.
    Da wird mit der Absage der IT&Business in Stuttgart die letzte überregionale Messe- und Kongressveranstaltung der Branche eingemottet.
    Da kommen immer mehr Dokumentationsanforderungen, die den Aufwand beim Anwender in die Höhe treiben.
    Da verliert die Branche ihr eigenständiges Gesicht und immer mehr Visibilität, so dass man nicht mehr von einer eigenen Branche sprechen kann.
     
  • BIT: Flops im Management:
    Kampffmeyer: Einen besonderen Flop im Management leistete sich die Leitung der BRAK Bundesrechtsanwaltskammer bei der „termingerechten“ Freischaltung des Besondere elektronische Anwaltspostfach nebst Verteilen von Signaturzertifikaten, die zum #beAgate führten.

Ausblick auf 2018

  • BIT: Trend-Prognose für 2018 bezüglich Markt, Technologien, Themen etc.:
    Kampffmeyer: Prognosen für einen Markt, der kaum mehr identifizierbar ist, sich selbst zerlegt, zwischen ECM Enterprise Content Management, Digital Workplace, EIM Enterprise Information Management, Content Services und Intelligent Information Management hin- und her driftet?
    Bezüglich Markt kann man annehmen, dass dieser weiterhin wächst. Klassische Archivierung ist mehr denn je nachgefragt, wobei es vielfach aber eher um die Ablösung von Altsystemen und die Zusammenführung älterer Insellösungen geht. Microsoft hat es über die Jahre geschafft, mit Office365 zum wichtigen Cloud-SaaS-Player bei kleinen, mittleren und großen Anwenderorganisationen zu werden und gleich geschickt, die Basisfunktionalität von Enterprise Content Management für sich mit zu reklamieren. Besonders im Cloud-Bereich, als IaaS, PaaS und SaaS werden wir in 2018 erhebliches Wachstum sehen.
    Bei den Technologien werden Services wichtiger – das stimmt auch bei der Diskussion um Content Services – jedoch wurde übersehen, dass ECM schon immer einen Service-/Dienste-/Middleware-Ansatz hatte. Diese Dienste werden gekapselt und für On-Premise wie auch Cloud vermehr bereitgestellt. Integriert über Schnittstellen werden sie in andere Anwendungen eingebaut. Eigenständige ECM-Funktionalität sieht man dann vielleicht noch in Postkörben, Akten und Workflows. Hierbei spielt die Automatisierung eine doppelte Rolle. Einerseits für Prozesse und Auswertung, andererseits aber auch für die Integration und Ansprache solcher Services durch andere Lösungen. Je mehr Produkte miteinander kommunizieren müssen – besonders sichtbar bei IoT – desto wichtiger wird die einfache, möglichst automatisierte Integration und Konfiguration von Services. Geht man diesen Weg, kann man auch gleich noch die Selbstdokumentation der Systeme angehen, um die Anwender bei den wachsenden Compliance- und Governance-Anforderungen zu entlasten. In 2018 muss sich auch zeigen, ob Blockchain auch für klassische Archivierungsthemen eine sinnvolle Alternative darstellt oder ob Anforderungen des Datenschutzes und Löschens nach DSGVo, Mengen- und Performance-Probleme sowie der Umgang mit Legacy-Informationen doch erhebliche Hürden darstellen. Information Governance wird angesichts der zahlreichen gesetzlichen und regulativen Änderungen auch in 2018 ein Treiber im Markt sein.
    Blickt auf die Themen, dass spielt die Musik außerhalb der bisherigen Branche. Digitalisierung und Industrie 4.0 sind schon fast als Begriffe abgenutzt. Künstliche Intelligenz strebt dem Höhepunkt des Hypes zu und kann in 2018 besonders durch selbstlernende Funktionalität einen wichtigen Durchbruch erzielen. Spätestens in 2019 wird nicht mehr ohne KI gehen. KI ist auch der Treiber für Automatisierung in allen Bereichen. Und wenn man ehrlich ist, muss man auch akzeptieren, dass ohne KI keine komplexen Systeme mehr administriert und kontrolliert werden können. AI Artificial Intelligence wird alle Bereiche der Technologie und unseres Lebens durchdringen. Weitere Themen in Deutschland werden sicherlich die Umsetzung rechtlicher Anforderungen mit eigentlich herkömmlichen ECM-Lösungen sein – DSGVO, elektronische Rechnung, eIDAS für Signaturen, KassenG und andere steuerrelevante Aufbewahrungsregularien, eAkte als rechtlich führende Akte usw. sowie Regularien in nahezu allen Branchen von ITSM, BAIT, MIFID, usw. Das Thema Archivierung wird weiterhin seine Bedeutung behalten, denn geordnet aufbewahrt werden muss immer mehr Information. Andere Segmente von ECM oder EIM Enterprise Information Management entfernen sich aber zunehmend aus dem klassischen Kanon, so BPM, Collaboration, Output Management und weitere. Ein wichtiges Thema für dieses und die kommenden Jahre wird aber sein, dass sich das traditionelle Dokument auflöst. Es wird zu Daten in einem Layout – getrieben durch Anwendungen für Mobile und in der Cloud. Damit entfällt auch die alte Trennung in strukturierte und unstrukturierte Daten und Dokumente. Es geht darum Information ganzheitlich zu erschließen und zu verwalten. Information Management ist die große Klammer für alle diese Entwicklungen – nicht ein Kunstbegriff wie Content Services.

 

 

 

(ursprüngliche, ungekürzte Version des Kommentars in der BIT vom November 2017)

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