MoReq 2010 ist noch nicht offiziell veröffentlicht ...

24.05.2011

Heute, an Bob Dylans 70sten Geburtstag, ist MoReq2010 immer noch nicht offiziell veröffentlicht. Wie heißt es so schön bei Bob Dylan - Tomorrow is a long Time. Aber die Diskussion um MoReq2010 weitet sich aus. Jeder redet jetzt mit.

Nach dem Bericht von James Lappin zu den Vorträgen auf dem DLM Forum in Budapest am 12.05.2011 (http://icio.us/fil8oY) machte sich zunächst Enttäuschung breit, da der angekündigte Veröffentlichungstermin nun zum zweiten Mal verschoben wurde. Auf Basis des Vortrages von Jon Garde, Autor von MoReq2010, fasste James Lappin die wichtigsten Neuheiten zusammen.

Nur darf man dabei nicht vergessen, dass es gerade diese Neuheiten von MoReq2010 sind, die die Abnahme und Veröffentlichung der neuen Spezifikation behindern. MoReq2010 bricht an vielen Stellen mit der herkömmlichen Auffassung von Records Management, noch mehr sogar mit der Auffassung von Schriftgutverwaltung. Damit wird nicht nur der Migrationspfad von MoReq2 zu MoReq2010 unterbrochen sondern auch die Positionierung von MoReq2010 im Verhältnis zu älteren Standards wie ISO 15489 oder DoD 5015.2 aber auch zu neuen Standards wie ICA-Req, ISO 16175 und ISO 3030x nicht einfacher. Auch wenn es nicht ein vollständiges " Breaking the Barriers of Traditional Records Management " geworden ist, sind die Ansätze sehr "modernistisch" und orientieren sich eher an Softwarefunktionalität als an herkömmlichen Schriftgutverwaltungsprinzipien. Es geht mehr in Richtung "virtuelle Akte" denn "Aktenplan". Mit Ansätzen wie SOA und ersten Gehversuchen in Richtung 2.0, Cloud und Mobile entwickelt sich eine neue Perzeption von Records Management, die allerdings noch nicht konsequent zu Ende geführt wurde. Dennoch setzt MoReq2010 die akademische Welt des Records Managements unter Druck, von den Archivaren ganz zu schweigen. Und dies ist letztlich auch eine der Ursachen, warum aus "2010" nun "Mitte 2011" - im günstigsten Fall - werden wird.

Interessant ist, welche Bedeutung mit einem Mal MoReq2010 in den USA zugemessen wird - wenn man die Diskussion auf Twitter als Masstab nimmt. Alan Pelz-Sharpe vom Analystenunternehmen "Real Story Group" hat einen Blogbeitrag unter dem Titel " Moreq2010 a DOD5015 slayer? " die These aufgebracht, dass MoReq2010 das Zeug hat, den US-amerikanischen Records Management Standard DoD 5015 abzulösen. Der DoD 5015.2 wird von zahlreichen Herstellern unterstützt, weil er in vielen Ausschreibungen in den USA gefordert wird. Er gilt nicht nur beim Militär als Beschaffungsvoraussetzung für Records-Management-Software sondern ist in etwa der internationale "defacto" Standard an dem sich viele Anbieter orientieren. Pelz-Sharpe hält den DoD Standard jedoch für sinnlos, da er zwar von den Anwendern gefordert wird aber in den Lösungen nicht implementiert wird (.. hatten wir dies nicht in Deutschland auch mit DOMEA und DOMEA 2.0?). Pelz-Sharpe sieht daher Chancen für praxisnähere MoReq2010. Dies würde jedoch voraussetzen, dass MoReq2010 auch schnell in der öffentlichen Verwaltung akzeptiert, möglichst in regulativen Vorgaben festgeschrieben und von zahlreichen großen Anbietern wie Microsoft, Google, IBM, Facebook, Salesforce.com, HP, Oracle, Cisco, SAP, Apple, Amazon etc. - um die Zukunft von Records Management provokativ auszuleuchten - umgesetzt wird. Angesichts der vielen amerikanischen Software- und Dienstleistungs-Anbieter wird hier ein europäischer Standard nicht gerade auf Begeisterung stossen. Und auch bei MoReq und MoReq2 hat sich die Europäische Kommission nicht bewegen lassen MoReq auch nur als Empfehlung in irgendeiner Direktive einmal zu erwähnen.

MoReq2010 befindet sich so gesehen in einer sehr kritischen Situation, in einem Dreieck der Desorientierung: (1) nicht voll akzeptiert von herkömmlichen Archivaren und Records Managern in den meinungsbildenden Organisationen, Verbänden und Institutionen, (2) von Anwendern außerhalb der Records-Management-und-Archiv-Welt als nicht relevant betrachtet, und (3) von den massgeblichen Softwareanbieter als zusätzliches Hindernis, Kostentreiber (Zertifizierung), Ausschreibungs-Tickmark und Technologiebremse eingeschätzt. Am Einfachsten wäre es, MoReq2010 würde in einer europäischen Richtlinie (Directive) und daraus folgend in allen natioanlen europäischen Gesetzen als Pflichtvorgabe verankert wo immer es um die Aufbewahrung wichtiger Informationen geht - und zwar über den derzeitigen Begriff eines "Record" hinaus. Wir brauchen eine möglichst international anerkannte und Masstäbe auch außerhalb Europas setzende "Lex MoReq"!

Der für das DLM Forum in Budapest angekündigte und leider geplatzte Launch von MoReq2010 macht die Situation nicht einfacher. Auch wenn jetzt hie-und-da in Insider-Kreisen die Diskussion hochbordet so ist das gesamte Umfeld von Records Management eher als inzestiös anzusehen. Dabei liegt in einer offenen, von jedem, im Büro wie auch im Privaten einsetzbaren Informationsverwaltung die die Grundideen des Records Management und der Archivierung in die Welt des ungebremsten, unkontrollierten Informationswachstum hineinträgt, eine Riesenchance. Nur ob diese mit Initiativen wie MoReq aber auch den laufenden ISO-Standardisierungen zum Records Management erfolgversprechend vorangebracht werden kann, ist eher unwahrscheinlich. Vorreiter wie Steve Bailey schreiben sich schon seit Jahren die Finger wund. Was wir brauchen ist ein Records Management im Untergrund, dass niemand sieht, und das automatisch sich um die Erschließung und Bewahrung wichtiger Informationen kümmert. Alles was wir hier heute an neuer Software sehen - Dropbox, box.net, Sharepoint, Amazon, etc. - ist nur ein erster Schritt in diese Richtung.

Records Management muss den Schritt in die Zukunft jetzt tun oder es wird untergehen. Dabei geht es nicht darum die Endung "2.0" an den Begriff "RM" zu hängen - es geht darum die Prinzipien neu zu überdenken und sich der moderne Technologie als Hilfsmittel zu bedienen - und nicht diese mit dem Nachbau altertümlicher, überkommener Konzepte zu vergewaltigen. Diesen Schritt zu tun wird uns nicht mit MoReq2010 gelingen - vielleicht erst mit einer Version danach, die nicht mehr von einem Gremium kommt sondern als Basisfunktion einfach auf Ebene von Betriebssystemen und Datenbanken eingebaut ist. Sozusagen "Embedded Records Management - everytime everywhere and for everybody"!

Ulrich Kampffmeyer

Kommentare

Gespeichert von Anonymous (nicht überprüft) am/um 29. Mai 2011 - 22:16 Permanenter Link

Da schreiben sich schon viele die Finger wund. ... and educate, educate, educate etc. No way. Guter Kommentar Hr. Kampffmeyer, allerdings würde ich nicht in den Untergrund gehen wollen, sondern ein RM im "Hintergrund" propagieren (seamless and automated desperately) wie Steve Biley meint. Nomen est Omen! One click declaration, so in die Richtung. Chris Walker (Oracle) meint wir sollten weniger den Begriff "record" bemühen, sondern eher wieder auf "information" setzen. Eine "Lex Moreq" ist hingegen zweifelhaft. z.B. Slowenien hat eine Uebererfüllung der EU-Norm im RM Gesetz, was aber nicht wirklich umsetzbar ist. (u.a. Ueberlieferungpflicht der Privatwirtschat) ... erinnert an stalinistische Methoden. J.Hagmann

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