Verfügbarkeit

29. Juli 2010 22:00 Uhr  |  PC_admin  |  Permalink


Spricht man über Verfügbarkeit, so denkt man im IT-Umfeld sofort an die technische Absicherung von Systemen mit ihren Anwendungen und Daten. Hier werden sofort Argumente wie Hochverfügbarkeitsauslegung der Hardware mit gespiegelten Systemen,Hot-Stand-by, parallele Datensicherung, redundante verteilte Auslegung über mehrere Standorte,Replikation, USV unabhängige Stromversorgung, usw. auf den Tisch gepackt. Speicherspezialisten werden sofort über die Lebensdauer verschiedener Storage-Systeme philosophieren, Backup-Strategien diskutieren, die Vorzüge von Direct addressed Storage gegen NAS, SAN und Cloud abwägen, und natürlich wird auch die Vision der Virtualisierung von Systemen nicht fehlen. Diese technische orientierte Sicht auf Verfügbarkeit dient im Wesentlichen dazu, Systeme ohne Zeit- und ohne Datenverlust konsistent lauffähig zu halten.

Anders sehen die Argumente aus, wenn es darum geht, Anwendungen und Daten aus den Laufzeitsystemen zu entfernen, um diese zu entlasten. Auf diese Anwendungen soll nur im Bedarfsfall vereinzelt zugegriffen werden und die Daten werden gegebenenfalls für Auswertungen, Prüfungen oder als Sicherheitskopien nur im Bedarfsfall wieder genutzt. Sie sind zwar noch verfügbar, aber nicht direkt und sofort nutzbar. Im Laufe der Zeit wird es zudem immer schwieriger, die Umgebung, in der Anwendungen oder Daten entstanden und genutzt wurden, aufrechtzuerhalten. Hier trennen sich dann auch die Wege, um Anwendungen und Daten weiterhin nutzbar zu halten. Anwendungen können dann überflüssig werden, wenn die Daten im Kontext und ohne Informationsverlust in anderen Anwendungen verfügbar gemacht werden können. Aber auch hier treten im Laufe der Zeit immer mehr Probleme in Bezug auf Formate, Kontext und beschreibende Metadaten auf. Je älter eine solche Sicherung oder Auslagerung ist, desto ungewisser ist es, ob sie in einem aktuellen Laufzeitsystem noch wieder genutzt werden kann.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt macht man sich Gedanken über die Langzeitverfügbarkeit, herkömmlich auch elektronische Archivierung genannt. Elektronische Archivsysteme sind keine Datensicherungs-, Backup- oder Auslagerungslösungen. Letztere kümmern sich nur um die Verschiebung auf andere Speichersysteme. Sie enthalten keine Informationen über die Inhalte der verschobenen Daten. Mechanismen wie in HSM hierarchisches Speichermanagement oder ILM Information Lifecycle Management nutzen technisch vorhandene Informationen wie Ursprungsanwendung und Ursprungspeicherort, Alter, Größe und Typ, und andere, um regelbasiert Informationen aus einem Bereich in einen anderen zu verschieben. Elektronische Archivsysteme dagegen kennen über die Indizierung und Klassifikation in der Verwaltungsdatenbank die Inhalte der Informationsobjekte. Hieraus ergibt sich eine grundsätzlich andere Strategie für die Sicherstellung der Verfügbarkeit, da über die Datenbank des Archivsystems ein direkter wahlfreier Zugriff, unabhängig von der erzeugenden Anwendung auf einzelne Objekte möglich ist. Dies ist in der Regel ein anderes Nutzungsmodell, als in den ursprünglichen Anwendungen, denn eine Weiterverarbeitung ist nicht Ziel der elektronischen Archivierung. Hier geht es nur um das Finden, Anzeigen und Reproduzieren. Natürlich gibt es bei der elektronischen Archivierung auch Anwendungsfälle, wo die gespeicherte Information auch weiterverarbeitungsfähig für Anwendungen vorgehalten wird, so z.B. für die Auswertung steuerrelevanter Informationen oder in einem Archivsystem dass nur die ausgelagerten Informationen eines großen Anwendungssystems verwaltet und die archivierten Objekte an diese System zurückgibt. Über die Zeit gesehen, wird es aber immer schwieriger die Anzeige- und Weiterverarbeitungsfähigkeit sicherzustellen, da sich Anwendungen, Betriebssysteme, Formate, Nutzungsmodelle und Datenmodelle in einem stetigen Wandel befinden.

Aus diesem Grund reicht es bei Strategien für die Sicherstellung der Verfügbarkeit nicht, nur über technische Möglichkeiten der Auslagerung und Sicherung nachzudenken. Auch die inhaltlichen Kriterien und die Erschließung der Information selbst sind maßgeblich für die Verfügbarkeit der Information. Es nützt nicht die Daten noch zu besitzen, sondern sie müssen in ihrem Kontext nutzbar bleiben. Dies ist die größte Hürde zwischen allen technisch orientierten Lösungen und dem Anspruch, dass Verfügbarkeit auch Nutzbarkeit impliziert.

Angesichts der exponentiell wachsenden Informationsmenge können so gesehen rein technische Lösungen nicht weiterhelfen. Sie können nur unterstützen, z.B. durch Single-Instancing zur Herausnahme der unkontrollierten Redundanz von Information und bedarfsorientierte Verlagerung der Informationen. Hierbei ist die Bereitstellung immer größerer Speichermedien zu günstigeren Preisen nicht Bestandteil der Lösung sondern Teil des Problems. Der Trend stützt die Argumentation, man müsse sich um die Inhalte und die Bewertung, was gespeichert wird, nicht kümmern, da es immer ausreichend günstigen Speicher geben wird. Auch das Problem der „physischen Verfügbarkeit“ wird damit gelöst, da man Informationen kostengünstig beliebig oft und redundant halten kann. So sind nicht nur die Speichersysteme in den Unternehmen und Rechenzentren ins Gigantische gewachsen, sondern auch im privaten Bereich tummeln sich inzwischen die Terabytes. Zur inhaltlichen Verfügbarkeit, zur inhaltlichen Erschließung, zur zukünftigen Nutzbarmachung, fehlen dabei auf beiden Seiten die Strategien und Methoden. Sicherstellung der Verfügbarkeit wird inzwischen gleichgesetzt mit ausreichend Kopien auf mehreren Speichern zu erstellen, automatisiert, teilautomatisiert oder manuell.

Dies führt uns zu einer grundsätzlichen Frage zum Thema Verfügbarkeit. Was muss überhaupt verfügbar sein: Welche Informationen werden langfristig benötigt, welche bringen Nutzen, welche muss man aus Compliance-Gesichtspunkten aufbewahren? Angesichts des Preisverfalls der Speicher bei gleichzeitigen Kapazitätssprüngen geht der Trend in Richtung „alles aufbewahren“, genaugenommen „alles mehrfach aufbewahren“. Über den Wert der Information macht sich hierbei kaum jemand Gedanken. Im Prinzip benötigen wir anstelle einer Kultur des „Alles Aufbewahren“ eine Kultur des „Kontrolliert Wegwerfen“.

Man könnte nun auch noch ketzerisch fragen, würde die Menschheit heute überleben, wenn weltweit für drei Monate der Strom ausfällt? Ich würde sagen, mühsam. Unsere Abhängigkeit von der Verfügbarkeit von Information ist inzwischen so groß, dass der Verlust existenzgefährdend ist. Der Begriff Verfügbarkeit gewinnt so jenseits der Technik und der Inhalte zwei weitere kulturelle Dimensionen – den Wert der Information und die Abhängigkeit von Information. Verfügbarkeit nur auf technische Lösungen oder die Nutzbarkeit von Archivsystemen zu beschränken ist daher zu kurz gesprungen. Längst ist die Verfügbarkeit von Information ein gesellschaftliches, ein existentielles und ein kulturelles Problem der Menschheit. (Kff)

PROJECT CONSULT Newsletter 20100730

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